Das Leben ist ungerecht

Kennt ihr Sätze, die euch sofort Herzklopfen bereiten? Nicht, weil ihr euch freut oder verliebt seid, sondern weil ihr sofort das Bedürfnis habt, etwas anzuzünden? Seit ich Teil des Elternbeirats an der Schule meiner Kinder bin, habe ich so einen Satz. "Das Leben ist ungerecht". Ich habe ihn öfter gehört als ich möchte und in Situationen, in denen ich das nicht möchte. 

Über Homeschooling und co muss ich nicht mehr viel schreiben oder erklären. Mehrere Wochen Homeschooling ohne eine einzige Stunde Latein oder Deutsch alleine bei K1. Also muß der Stoff nachgelernt werden. Es gibt Kinder, die können das nicht mit den Eltern, weil diese viel arbeiten müssen etc. oder sich keine Nachhilfe leisten können. Diese Kinder rutschen ab, bekommen schlechte Noten weil die Lücken zu groß sind. Was sagt die Schule nach diesen 3 Jahren Pandemie? Erratet ihr es? "Das Leben ist ungerecht". 

Die Kinder dürfen ab Klasse 9 ein Tablet benutzen im Unterricht. D.h. auf dem Tablet sind Hefteinträge, E-Books und alle Notizen. In den Pausen damit nochmal Stoff für die nächste Stunde durchgehen etc. dürfen sie aber erst ab Klasse 10. Die 9. Klässler dürfen also in der unterrichtsfreien Zeit keine Unterlagen durchgehen. Die Antwort auf den Hinweis, dass das keinen Sinn macht? Na? "Das Leben ist ungerecht" 

Als ich mich entschieden habe, Elternbeirat zu werden war genau das ein Grund dafür. Das Leben ist ungerecht aber es ist unsere Aufgabe, zu versuchen es ein wenig gerechter zu machen. Es benachteilt Kinder und bevorzugt andere. Manche Kinder lernen anders, langsamer, aktiver. Das macht sie nicht dümmer. Manche Kinder haben kein Auffangnetz. Keine Eltern oder Großeltern, die sich mit Ihnen hinsetzten und alles erklären können. Manche Kinder sind ruhig und introvertiert. Manche Kinder können mit dem ein oder anderen Lehrer nicht und umgekehrt (ja komm, jeder Lehrer hat Kinder, die er nicht mag) 

Mache ich das Leben etwas gerechter, wenn ich in der letzten Stunde vor den Ferien eine unangekündigte Extemporale schreibe? Wenn ja, für wen? Mache ich das Leben etwas gerechter, wenn ich einem Schüler eine mündliche 6 gebe, weil er zu ruhig ist und sich nie meldet ohne ihm das zu sagen? Wenn ja, für wen? Wenn ein Kind länger krank ist und ich als Lehrer nicht die Unterlagen schicken kann, weil ich zu viele Schüler habe und der Aufwand zu groß ist, ist das gerecht? Es gibt Lehrer, die ihre Freizeit opfern und Kindern helfen, Tipps geben, auf Arbeiten vorbereiten. Lehrer, die sich freuen, wenn die Kinder Fortschritte machen und sie motivieren. Die Fehler ihrer Vorgänger ausbügeln. Ist das gerecht? 

Zunächst möchte ich klarstellen, dass ich natürlich weiß, dass das Leben nicht immer gerecht ist. Im Kontext des Schulsystems sollte der Satz "das Leben ist ungerecht" aber nicht als Entschuldigung oder Rechtfertigung verwendet werden. Oft steckt hinter einem "Das Leben ist ungerecht" doch eher ein "ich will das jetzt aber so" zusammen mit einem "darüber will ich nicht diskutieren und mich mit Argumenten auseinandersetzen". Ein gutes Bildungssystem sollte darauf abzielen, jedem Schüler die besten Chancen und Möglichkeiten zu bieten, unabhängig von seinem Hintergrund oder seinen individuellen Fähigkeiten. 

Wenn wir Schülern beibringen, dass das Leben ohnehin ungerecht ist, untergraben wir das Vertrauen in das System und reduzieren die Motivation, sich für Gerechtigkeit und Chancengleichheit einzusetzen. Ich habe auch gemerkt, daß der Satz oft im Paar kommt mit "das machen wir schon immer so" oder auch gerne "das hat uns auch nicht geschadet". So sicher bin ich mir da oft nicht ;) 

Ich frage mich oft, wie genau diese Menschen es fänden, wenn ihre Kinder auf der "ungerechten" Seite stünden. Was Lehrer dabei denken. Ob sie Lehrer geworden sind, um Kinder zu fördern, sie zu unterstützen und voranzubringen. Sagt der der Satz "das Leben ist ungerecht" nicht bereits eindeutig, daß es falsch ist? Oder ist ungerecht nur in meiner Welt nicht erstrebenswert? 

Also, liebe Lehrer, Eltern und Mitschüler: Lasst uns aufhören, das Leben als ungerecht zu bezeichnen und stattdessen unsere Energie darauf konzentrieren, es ein bisschen gerechter zu machen auch wenn es vielleicht unbequem ist, etwas mehr Arbeit erfordert oder schlicht meine eigene Meinung nicht abbildet.

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